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zutritt auf eigene gefahr

 

textiles gestalten

permanenter Link von howl am 18.12.2011 17:45

samstagvormittag hatte manfred, der mann von prinzessin billie (also quasi prinz manfred), madita zu j.j. gebracht, weil er mit seiner frau noch weihnachtseinkaeufe machen wollte.

da ich sowieso in der kueche zu tun hatte, liess ich j.j. mit der kleinen allein lichterketten im wohnzimmer aufhaengen und anderen bloedsinn verzapfen.
als ich gerade fertig war und schnell noch kaffee machte, kam j.j. reingestuermt.

„ALARM!“ rief er mit einem eindrucksvoll gespielten anfall von panik.
„was fuer alarm?“ fragte ich betont cool und nippte an meinem gerade durchgelaufenen kaffee.
„HAEKELALARM!“ spezifizierte j.j. den notstand und hielt etwas hoch, das wie ein sehr kleiner, schmutziger und halbaufgeribbelter topflappen aussah.

es stellte sich heraus, dass madita ihr noch unfertiges weihnachtsgeschenk fuer billie mitgebracht hatte, um ein wenig daran weiter zu arbeiten. allerdings hatte sich das werk auf dem weg zu j.j. selbststaendig in ihrer tasche aufgeribbelt.

„ach herrjeh“, kommentierte ich. zwar halte ich mich fuer einigermassen brauchbar in notsituationen, allerdings nur solchen, die nichts mit textilem gestalten zu tun haben.

madita versuchte, tapfer zu sein, aber angesichts des herben rueckschlags in ihrem geschenke-zeitplan kullerten doch ein paar traenen.

„ich kann nicht haekeln“, gab j.j. zu, „ich hatte eine sechs in der vierten klasse bei frau moerschel, der alten zimtziege, nur weil ich dieses verfickte haekeldeckchen nicht fertig gekriegt habe.“
„ich kann AUCH nicht haekeln“, sagte ich, „aber ich kann’s lernen, woll?“
damit liess ich mir das aus tuerkisfarbenem garn, das in verschwitzten kleinen kinderhaenden schon ganz grau geworden war, gefertigte ding zeigen.
„wird das ein topflappen?“ fragte ich vorsichtig.
„nein“, schniefte madita, „ein lesezeichen.“
„billie kann lesen?“ fragte j.j. verwundert und ganz automatisch niemand bestimmten.

„okay“, uebernahm ich das kommando, „fahr den rechner hoch, wir suchen uns ein tutorial.“
j.j. reagierte sofort und startete seinen computer, waehrend ich mir das lesezeichen noch einmal genauer anschaute.
„wie soll das denn am ende aussehen?“ fragte ich madita.
„oben kommt so eine blume raus“, erklaerte sie, „und unten ist ein langer faden.“
„habt ihr das in der schule angefangen?“ wollte ich weiter wissen, immer noch in der hoffnung, jemand kompetentes aufzutreiben, der die situation souveraen entschaerfen koennte.
„nein“, entmutigte mich die kleine, „ich hab’ ein bild gesehen beim zahnarzt in einer zeitschrift.“
„wir koennten beim zahnarzt einbrechen und die zeitschrift stehlen“, schlug j.j. die wahrscheinlich umstaendlichste loesungsvariante vor und erntete damit vernichtende blicke von madita und mir.

inzwischen war der rechner hochgefahren und ich machte mich bei youtube auf die suche nach haekelmanualen. j.j. setzte sich mit madita auf dem schoss neben mich und wir browsten durch die irrsinnigsten haekelkunstwerke (gehaekelte toaster und brueste (!), um nur einige zu nennen), bis wir auf ein lesezeichen stiessen, das ansatzweise dem entsprach, was die kleine im sinn hatte.
„hast du auch noch andersfarbiges garn?“ fragte ich, da die bluete vermutlich nicht tuerkis sein sollte und madita holte schnell ein knaeuel dunkelrote wolle mit silberfaeden aus ihrer tasche.
„uuuh, meine lieblingsfarbe“, sagte ich und erntete ein kleines laecheln.

inzwischen hatte j.j. das angefangene lesezeichen mit dem verglichen, was im tutorial gezeigt wurde und meinte schliesslich, wir sollten erstmal „strecke machen“, also ein einigermassen lesezeichenlanges stueck haekelware herstellen, damit wir vorankaemen. das erschien mir vernuenftig.
j.j. liess sich von seinem patenkind zeigen, wie man normale maschen haekelt und half ihr dann, indem er ca. 15cm kruckelige reihen machte, ueber die madita sehr erleichtert zu sein schien.

mit einem selbstzufriedenen grinsen ueberreichte j.j. mir dann die haekelnadel und sagte:
„die blume machst DU.“

ich schaute mir erneut das tutorial an und im grunde war es ganz einfach. nur mit der umsetzung haperte es, weil ich nicht so richtig spannung auf den „arbeitsfaden“ oder wie immer man das nennt bekam, so dass sich der kram immer wieder vertoeckelte.

madita versuchte sich selbst an der blume, hatte aber aehnliche schwierigkeiten wie ich.

also zauberte ich plan b aus der tasche und schlug vor, statt der haekelblume einen astreinen pompom zu machen, der sowieso viel schoener sein wuerde.
madita war nicht ganz ueberzeugt, aber liess sich ueberreden, es wenigstens mal auszuprobieren und wir legten los.
j.j. schnitt nach meiner anweisung zwei runde pappscheiben aus dem cornflakeskarton und ich zeigte madita, wie sie den faden um die scheiben wickeln musste. zwischendurch hatte j.j. noch die idee, eine zweite farbe mit einzuwickeln, was daran zu scheitern drohte, dass wir keine andere wolle da hatten. aber mein liebchen holte kurzerhand einen stricksocken aus seinem schrank (in kleidsamem bleu) und versuchte, ihn aufzuribbeln (was bei fabrikware nicht so einfach ist, wie man meinen sollte).
er kam auch nicht sehr weit, aber das garn genuegte, um einen farbigen akzent zu setzen.

ich uebernahm das fadenwickeln, als es fuer maditas kleine haende zu anstrengend wurde und j.j. schnitt schliesslich vorsichtig die wolle zwischen den pappscheiben durch. ich fixierte das ganze mit einem stueck faden und madita hielt den finger drauf, damit ich es sicher verknoten konnte. dann riss sie die pappscheiben ab und puschelte entzueckt den kleinen pompom zurecht.

j.j. knotete das wunderding oben an den lappen und zum abschluss haekelte madita noch einen langen schwanz von maschen unten dran.

sehr erleichtert verstaute das kleine maedchen das fertige lesezeichen in ihrer tasche und versprach j.j. und mir fuer unsere tatkraeftige hilfe ein gemeinsames weihnachtsgeschenk.

als madita eine gute stunde spaeter von ihren eltern wieder abgeholt worden war, meinte j.j. zu mir:
„vielleicht kriegen wir auch ein lesezeichen.“
„du kannst lesen?“